Methodenarbeit Werkstattbericht Kommunikation

Eine Masterclass ist ein Versprechen — und in den meisten Fällen ein zu großes. Wir nutzen den Begriff bewusst sparsam, weil er suggeriert, dass am Ende des Formats eine Meisterschaft steht. Was wir bei benhawks.com unter Masterclass verstehen, ist deutlich nüchterner: eine längere, konzentrierte Lernsituation, in der eine kleine Gruppe gemeinsam ein klar umrissenes Thema durcharbeitet. Im Sommer haben wir eine Masterclass zur digitalen Kommunikation in heterogenen Teams gegeben, neun Teilnehmende aus München, Augsburg und Salzburg. Dieser Werkstattbericht beschreibt, was strukturell trug, wo es haperte und welche Schlüsse wir für kommende Durchgänge ziehen.

Eine Masterclass beginnt nicht mit Inhalten

Bevor wir das erste Modul aufgeschlagen haben, gab es einen zweistündigen Einstieg, der ausschließlich der Selbstverortung diente. Jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer hat eine Notiz geschrieben: Welche kommunikative Situation in meinem Arbeitsalltag fordert mich aktuell? Welche Routine möchte ich überprüfen? Diese Notizen blieben über die gesamten sechs Wochen sichtbar, an einer Wand, mit Bleistift, ohne Schönschrift. Wir haben gemerkt, dass dieser Schritt entscheidend war. Wer ohne Verortung in eine Masterclass geht, bekommt am Ende ein abgeschlossenes Format, aber wenig Anschluss an die eigene Praxis. Wer mit einer Frage hineinkommt, kann diese Frage am Ende beantworten — oder begründet verschieben.

Rhythmus statt Programm

Eine längere Lernsituation lebt von ihrem Rhythmus. Wir haben uns für eine wöchentliche Taktung entschieden: dienstags drei Stunden gemeinsam, donnerstags eine Stunde Reflexion in Paaren, sonntags ein kurzer Schreibimpuls per E-Mail. Diese Struktur ist nicht spektakulär, aber sie hat etwas Wichtiges geleistet — sie hat Erwartung erzeugt. Teilnehmende wussten, dass am Dienstag wieder eine Frage aufgemacht wird. Sie wussten, dass die Paarreflexion nicht verschoben werden sollte. Wir haben mehrfach erlebt, dass Lernformate scheitern, weil ihr Rhythmus auf maximale Flexibilität gebürstet ist. Flexibilität ist gut, solange sie nicht jede Verbindlichkeit auflöst.

Das richtige Maß an Reibung

Eine Masterclass darf reiben. Eine der häufigsten Rückmeldungen aus früheren Kohorten war: zu glatt. Wir haben in dieser Kohorte bewusst Übungen eingebaut, in denen Teilnehmende sich gegenseitig kritisch beraten haben. Eine Person stellt einen kommunikativen Vorgang vor — eine Mail, eine Moderation, eine schwierige Rückmeldung. Die anderen geben strukturiert Rückmeldung. Wir haben dafür ein einfaches Schema benutzt: drei Beobachtungen, drei Fragen, eine Hypothese. Dieses Schema hat verhindert, dass Rückmeldung in Geschmacksurteile abkippt. Reibung war produktiv, weil sie geführt war.

Werkzeuge sind sekundär

In einer Masterclass zur digitalen Kommunikation könnte man stundenlang über Werkzeuge reden. Welches Chat-System eignet sich wofür, wie unterscheidet sich asynchrone Kommunikation in verschiedenen Plattformen, wie organisiert man Threads. Wir haben das bewusst klein gehalten. Werkzeuge tauchten erst in der dritten Woche auf, nachdem Teilnehmende beschrieben hatten, welche kommunikativen Situationen sie überhaupt regelmäßig erleben. So konnten wir Werkzeugfragen auf konkrete Situationen beziehen statt im luftleeren Raum zu vergleichen. Wer mit einer Werkzeugfrage in eine Masterclass kommt, sollte nicht ohne Antwort gehen — aber er sollte auch nicht das Gefühl haben, dass Werkzeugkompetenz das eigentliche Lernfeld ist.

Schreiben als zentrale Übung

In jeder Sitzung haben wir geschrieben. Mal fünfzehn Minuten, mal nur drei. Schreiben ist kein Ornament im Lernen, es ist eines der wenigen Werkzeuge, mit denen wir unser eigenes Denken außer Sichtweite bringen und es dann mit einem zweiten Blick anschauen können. Wir haben Schreibübungen genutzt, um Beobachtungen festzuhalten, um Hypothesen zu formulieren und um schwierige Gespräche vorzubereiten. Einige Teilnehmende haben überrascht festgestellt, dass die Schreibphasen das produktivste Element waren — gerade weil sie gegen ihren Erstinstinkt liefen, „etwas Sichtbares“ zu produzieren.

Vom Modul zur Routine

Die größte Hürde einer Masterclass ist nicht das Lernen während der Sitzung, sondern der Transfer in die Woche danach. Wir haben in jeder Sitzung mit einer expliziten Übersetzungsfrage geendet: Welche kleine Veränderung baust du in deine kommende Woche ein? Diese Frage wurde nicht in den Raum geworfen, sondern jeder hat schriftlich geantwortet, und in der nächsten Sitzung gab es eine kurze Rückmeldungsrunde. Klein bedeutete tatsächlich klein — eine Routine in einer einzelnen wöchentlichen Sitzung, eine andere Eingangszeile in einer wiederkehrenden E-Mail. Wir haben mehrfach beobachtet, dass kleine Veränderungen mit hoher Wahrscheinlichkeit bleiben, während große Vorsätze nach zwei Wochen verdunsten.

Was hat nicht funktioniert?

Nicht alles, was wir geplant hatten, hat getragen. Wir hatten eine Sitzung zu kultureller Vielfalt in der digitalen Kommunikation eingeplant, mit Gastinput und mehreren Fallbeispielen. Diese Sitzung war zu voll. Es war ein Beispiel dafür, dass Tiefe und Vielfalt sich in einem dreistündigen Format gegenseitig im Weg stehen können. Wir hätten besser eine zweite Sitzung dranhängen oder das Thema deutlich enger schneiden sollen. Eine weitere Schwäche war unsere Erwartung an die Paarreflexionen außerhalb der Werkstattzeit. Drei der vier Paare haben die Termine zuverlässig gehalten, ein Paar nicht. Wir haben daraus gelernt: Paarreflexionen sollten in der gemeinsamen Zeit verankert werden, mindestens in den ersten zwei Wochen.

Was Teilnehmende mitgenommen haben

Am Ende einer Masterclass steht bei uns kein Multiple-Choice-Test. Wir bitten Teilnehmende, eine Abschlussnotiz zu schreiben, einen halben bis ganzen Text, der drei Fragen beantwortet: Was war meine Eingangsfrage? Was kann ich davon heute beantworten? Was nehme ich offen mit? Diese Notizen sind nicht öffentlich, sie sind aber für uns Redaktion sehr aufschlussreich. Aus dieser Kohorte stachen drei Punkte hervor. Erstens: Mehrere Teilnehmende berichteten, dass sie das Wort „Kommunikation“ neu hörten — nicht als Skill, sondern als gestaltete Beziehung. Zweitens: Die Schreibübungen haben sich bei vielen als zentraler erwiesen, als wir gedacht hatten. Drittens: Der Übersetzungsschritt am Sitzungsende wurde mehrfach als „das Element, das den Transfer trug“ benannt.

Hinweise für andere Werkstattleitende

Wer eine vergleichbare Masterclass plant, dem geben wir vier Hinweise. Erstens, Selbstverortung früh und sichtbar halten — nicht als Einstiegsritual, das danach verschwindet. Zweitens, Rhythmus über Inhalt — eine Struktur, der die Gruppe vertrauen kann, ist wichtiger als eine perfekte Modulreihenfolge. Drittens, Werkzeuge in die zweite Hälfte — sie sind hilfreich, aber nicht der Ausgangspunkt. Viertens, Übersetzung an jedem Sitzungsende — eine Frage, die jede Teilnehmerin schriftlich beantwortet, bevor sie geht.

Wie es weitergeht

Die nächste Masterclass zur digitalen Kommunikation startet im Herbst, wieder mit neun Plätzen. Wir behalten den Rhythmus, ändern aber zwei Dinge: Die Sitzung zur kulturellen Vielfalt teilen wir in zwei Termine auf, und wir verankern die Paarreflexionen in den ersten beiden Wochen direkt in der gemeinsamen Zeit, bevor wir sie auslagern. Beides folgt direkt aus den Rückmeldungen dieser Kohorte. Wenn Sie Interesse an einer Teilnahme haben, melden Sie sich gerne per Mail bei uns — wir laden Sie zu einem Vorgespräch ein, in dem wir gemeinsam klären, ob das Format passt. Eine Masterclass funktioniert dann gut, wenn die Auswahl im Vorfeld sorgfältig geschieht; das ist mindestens so wichtig wie alles, was während des Formats stattfindet.

Ein Wort zur Auswahl der Teilnehmenden

Wir haben in dieser Kohorte mit zwölf Bewerbungen für neun Plätze gearbeitet. Die Auswahl haben wir nicht nach Lebensläufen getroffen, sondern nach der Frage, mit der jemand kam. Wer eine konkrete kommunikative Situation beschreiben konnte, kam in die engere Runde. Wer einen Wunsch nach „mehr Souveränität in der Kommunikation“ formulierte, bekam von uns die Rückfrage, an welcher konkreten Situation sich dieser Wunsch zeigt. Diese Rückfrage war Teil des Auswahlprozesses. Wir haben dabei dreimal erlebt, dass Bewerber:innen nach der Rückfrage selbst bemerkten, dass sie noch nicht so weit waren. Wir haben sie nicht abgelehnt — wir haben ihnen einen Termin in einem späteren Durchgang vorgeschlagen, in dem ihre Frage konkreter sein würde. Diese Praxis ist ungewöhnlich für ein Format, das auf Auslastung schaut. Sie macht aber den Unterschied zwischen einer gefüllten Werkstatt und einer arbeitsfähigen Werkstatt — und genau diesen Unterschied wollen wir in jedem Durchgang sichern, auch unter Zeitdruck.

Ein letztes Wort zur Begriffspflege

Wir nennen unsere Werkstätten weiter sparsam Masterclass, weil wir den Anspruch ernst nehmen wollen. Masterclass meint bei uns nicht eine Werbestimme, sondern eine Lernsituation, in der eine Gruppe mit einer klaren Frage einsteigt und mit einer schärferen Frage hinausgeht. Das ist weniger heroisch als das, was der Begriff in seinem Marketinggebrauch verspricht. Es ist aber genau das, was Lernende uns immer wieder als das Wertvollste zurückspiegeln. Wir bleiben bei dieser engen Begriffsverwendung, auch wenn sie uns Reichweite kostet — weil sie unsere Praxis besser beschreibt als jede großzügige Lesart.

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