DACH Report Lernformate

Dieser Report fasst Beobachtungen aus dem vergangenen Berichtsjahr zu digitaler Weiterbildung in Deutschland, Österreich und der Schweiz zusammen. Wir stützen uns auf eigene Begleitformate in München, Berlin, Wien, Linz, Zürich und Basel, ergänzt um qualitative Gespräche mit Werkstattleitenden aus elf Organisationen. Die Auswertung ist keine repräsentative Studie. Sie ist ein präziser Zwischenstand, der zeigt, in welche Richtung sich Lernformate verschieben — und welche Verschiebungen wir für besonders wichtig halten.

Verschiebung eins: Vom Kurs zum Pfad

Die Idee des abgeschlossenen Online-Kurses verliert an Bedeutung. Organisationen, mit denen wir gesprochen haben, beschreiben einen Wechsel hin zu „Pfaden“. Ein Pfad ist mehr als eine Modulreihenfolge — er beschreibt eine Lernphase mit Begleitung, einer klaren Frage und einer Übergabe an die nächste Phase. Drei von vier Organisationen, die früher mit reinen Kursen gearbeitet haben, geben an, dass sie inzwischen mit Pfadformaten experimentieren. Der Grund ist nüchtern: Reine Kurse hatten zu hohe Abbruchquoten. Pfade mit Begleitung erreichen deutlich höhere Abschlussquoten, in unseren Begleitformaten zwischen 86 und 96 Prozent.

Verschiebung zwei: Hybrid statt rein digital

Rein digitale Lernsituationen sind nicht verschwunden, aber sie sind seltener das Standardformat geworden. In zehn der elf Organisationen ist „hybrid“ der neue Normalfall: eine kuratierte Mischung aus Vor-Ort-Werkstätten, Online-Modulen und asynchronen Schreibphasen. Diese Mischung erlaubt es, sowohl Lernende in ländlichen Regionen anzubinden als auch verlässliche Vor-Ort-Termine zu setzen. In der Schweiz haben mehrere Anbieter berichtet, dass sie ihre Online-Anteile zugunsten kürzerer, aber regelmäßiger Vor-Ort-Termine zurückgeschraubt haben. In Bayern ist die Entwicklung ähnlich.

Verschiebung drei: Begleitung wird ernster genommen

Begleitung war in den ersten Jahren der digitalen Weiterbildung oft eine Randnotiz: ein Forum, ein Chat-Kanal, eine sporadische Sprechstunde. Im Berichtsjahr beobachten wir eine deutliche Verschiebung. Mentor:innen werden systematischer eingesetzt, Peer-Reflexionen werden in den Wochenrhythmus eingebaut, und Reflexionsgespräche bekommen feste Plätze. Vier von elf Organisationen haben in diesem Jahr explizit Stellen für „Lernbegleitung“ geschaffen, drei weitere planen eine solche Stelle. Wir halten diese Verschiebung für die wichtigste des Jahres.

Verschiebung vier: Werkzeuglandschaft konsolidiert sich

Die Werkzeuglandschaft im Lernbereich war lange unübersichtlich. Im Berichtsjahr beobachten wir eine Konsolidierung. Organisationen wählen weniger, aber überlegter. Notion, Miro, Figma und ein lokal verfügbares Video-Konferenzsystem sind in fast allen befragten Organisationen Standard. Spezialisierte Plattformen werden kritischer geprüft. Wir haben in den Gesprächen häufig den Satz gehört: „Wir wollen nicht noch ein System.“ Daraus folgt eine bewusstere Auswahl, oft begleitet von einer Datenschutzprüfung nach DSGVO. Schweizer Organisationen achten zusätzlich darauf, dass Werkzeuge auch nach kantonalen Vorgaben tragfähig sind.

Verschiebung fünf: Lernzeit als Verhandlungsthema

Die Frage „Wann findet Lernen statt?“ ist im Berichtsjahr in den meisten Organisationen explizit verhandelt worden. Sieben von elf Organisationen haben Lernzeit als Teil der Arbeitszeit zugesichert, mit klaren Mengen — meist zwischen drei und fünf Stunden pro Woche. Diese Zusicherung ist kein selbstverständlicher Schritt; sie braucht eine Geschäftsführungsentscheidung. Wir hören in den Gesprächen, dass diese Entscheidung in Phasen, in denen Lernen aus der Arbeitszeit zu fallen drohte, der entscheidende Hebel war. Ohne diese Zusicherung gilt: Lernen findet entweder in privater Zeit statt — mit allen Verteilungsfolgen — oder es findet nicht statt.

Verschiebung sechs: Datenarbeit datensparsam

Die DSGVO hat im Berichtsjahr eine neue Aufmerksamkeit bekommen. Während früher viele Plattformen weitreichende Lerndaten erhoben, prüfen Organisationen heute genauer, was sie wirklich brauchen. Wir hören mehrfach den Satz: „Wir messen weniger und reflektieren mehr.“ Datenflüsse werden expliziter dokumentiert, Auftragsverarbeitungsverträge werden systematischer geprüft, und einzelne Anbieter wurden im Berichtsjahr aus Verzeichnissen genommen, weil ihre Datenpraxis nicht überzeugte. Diese Verschiebung ist erst am Anfang. Wir gehen davon aus, dass sie sich in den kommenden zwei Jahren verstärken wird, auch im Hinblick auf neue europäische Regelungen.

Verschiebung sieben: Reflexion bekommt einen festen Platz

Reflexion war lange ein Wort, das alle benutzten und wenige umsetzten. Im Berichtsjahr beobachten wir, dass Reflexionsformate konkret und planbar werden. Quartalsweise Reflexionsgespräche, Schreibimpulse, Peer-Reflexionen — diese Formate sind aus „nett, wenn es klappt“ in „Teil unseres Standards“ gerückt. Sieben der elf Organisationen führen Reflexion inzwischen als Teil ihres Quartalsrhythmus. Die Wirkung ist deutlich: Lernende beschreiben Reflexion in unseren Auswertungen als „das Element, das den Transfer trägt“. Ohne Reflexion bleibt Lernen Modulkonsum.

Verschiebung acht: Curriculare Anschlussfähigkeit

Im Hochschul- und Berufsbildungsbereich der DACH-Region beobachten wir Bewegungen hin zu mehr Anschlussfähigkeit zwischen formalen Curricula und informellen Lernangeboten. In Bayern arbeiten mehrere Hochschulen an Modulbeschreibungen, die externe Lernformate als ergänzende Lernarbeit anerkennen. In Österreich gibt es ähnliche Pilotvorhaben. In der Schweiz ist die Situation kantonal unterschiedlich. Diese Bewegung ist langsam — sie braucht institutionelle Zeit. Wir halten sie aber für strukturell wichtig, weil sie Lernende davon entlastet, parallele Welten zu pflegen.

Verschiebung neun: Sprache und Lesbarkeit

Eine eher leise Verschiebung betrifft die Sprache von Lernangeboten. Im Berichtsjahr beobachten wir, dass mehrere Organisationen ihre Beschreibungen vereinfacht haben. Schlagworte werden seltener, präzise Tätigkeitsbeschreibungen werden häufiger. Diese Verschiebung ist kein Zufall — sie hängt mit der Erfahrung zusammen, dass Lernende schwer beurteilen können, ob ein Angebot zu ihnen passt, wenn es in schlagwortdichter Sprache geschrieben ist. Klare Sprache ist ein praktischer Vorteil, nicht nur eine stilistische Vorliebe.

Verschiebung zehn: Verbindlichkeit der Werkstatträume

Die Werkstattidee gewinnt in der DACH-Region weiter an Bedeutung. Wir verstehen Werkstatt als einen Raum, in dem Lernende mit echten Aufgaben unter Begleitung arbeiten. Im Berichtsjahr haben mehrere Organisationen eigene Werkstatträume eingerichtet — physisch in München, Wien und Zürich, virtuell als regelmäßig stattfindende Online-Werkstätten. Die Werkstattidee ist nicht neu, aber ihre Verlässlichkeit hat zugenommen. Werkstätten sind keine Eventformate mehr, sondern wiederkehrende Räume mit festen Terminen.

Was wir nicht beobachten

Drei Dinge fehlen in dieser Aufzählung, die in vielen Berichten prominent sind. Erstens, große Plattform-Innovationen. Wir sehen keine Plattform, die in diesem Jahr Lernlandschaften strukturell verändert hätte. Zweitens, dramatische Aussagen zu KI. Künstliche Intelligenz wird in vielen Organisationen genutzt — vor allem zur Vorbereitung von Texten und zur Sortierung von Material. Sie hat aber im Berichtsjahr keine erkennbare Verschiebung in Lernformaten ausgelöst, jenseits einzelner Werkzeugfragen. Drittens, „Disruption“. Wir sehen keine disruptive Bewegung, sondern eine Reihe nüchterner Konsolidierungen.

Empfehlungen für die kommenden zwölf Monate

Aus unseren Beobachtungen leiten wir vier Empfehlungen ab. Erstens, investieren Sie in Begleitung statt in zusätzliche Kurse. Eine zusätzliche Mentor:in wirkt stärker als zehn neue Module. Zweitens, verankern Sie Lernzeit ausdrücklich in der Arbeitszeit. Verzichten Sie auf Stundenmodelle, die aus Pausen oder Privatzeit gespeist werden. Drittens, prüfen Sie Ihre Datenflüsse mit dem Maßstab der Sparsamkeit. Datensparsamkeit ist nicht nur juristisch geboten — sie verbessert die Lernkultur. Viertens, geben Sie Reflexion festen Raum. Reflexionsgespräche, Schreibimpulse und Peer-Reflexion gehören in den Quartalsrhythmus.

Ein Wort zur Ungleichzeitigkeit

Wir möchten betonen, dass die hier beschriebenen Verschiebungen nicht in allen Organisationen gleichzeitig stattfinden. In großen Verwaltungen verlaufen sie langsamer als in kleineren Bildungsträgern. In ländlichen Regionen folgen sie anderen Rhythmen als in den Großstädten der DACH-Region. Wir haben mehrfach erlebt, dass eine Organisation in einer Dimension weit fortgeschritten war — etwa bei der Begleitung — und gleichzeitig in einer anderen Dimension noch am Anfang stand, etwa bei der Datensparsamkeit. Diese Ungleichzeitigkeit ist normal und kein Anlass zur Beunruhigung. Eine Organisation muss nicht in allen zehn Verschiebungen gleichzeitig vorankommen. Wichtiger ist, dass sie sich darüber im Klaren ist, wo sie steht und welche der Verschiebungen für ihre nächste Phase am wichtigsten sind.

Methodischer Hinweis

Wir haben für diesen Report mit elf Organisationen in München, Berlin, Wien, Linz, Zürich und Basel gesprochen. Die Gespräche dauerten je zwischen 45 und 90 Minuten. Zusätzlich haben wir Beobachtungsnotizen aus 22 Begleitformaten ausgewertet, die wir im Berichtsjahr durchgeführt haben. Die Auswahl ist nicht zufallsgesteuert und nicht repräsentativ. Sie spiegelt unsere Arbeitsnetzwerke. Wir veröffentlichen die wesentlichen Befunde offen, weil wir davon ausgehen, dass die DACH-Region von einem Austausch in dieser Form sehr viel gewinnt. Rückmeldungen, Korrekturen und gegenteilige Beobachtungen sind ausdrücklich willkommen.